Woche 44 | 26. Oktober – 1. November 2026
Meldung der Woche: Sechs Peptide kehren in US-Apotheken zurück
Am Mittwoch, dem 28. Oktober, gab das US-Gesundheitsministerium (HHS) bekannt, dass Apotheken sechs Peptide wieder auf Rezept herstellen dürfen. Berichtet haben darüber unter anderem das Magazin TIME („The Peptide Rush Has Begun“, also „Der Peptid-Rausch hat begonnen“), die Sender NBC und ABC sowie das Fachportal STAT.
Um welche Peptide es geht:
- BPC-157
- TB-500
- MOTS-c
- KPV
- Semax
- Epitalon
Wie das funktioniert: Es handelt sich nicht um eine Arzneimittelzulassung. Das Ministerium wählte ein Vorgehen, das in den USA Enforcement Discretion heißt: Die Behörden haben sich verpflichtet, nicht gegen Apotheken, Bundeseinrichtungen und Ärzte vorzugehen, die diese Peptide für einzelne Patienten herstellen, sofern sie bestimmte Bedingungen erfüllen. Laut einer Analyse der Kanzlei Foley & Lardner gehören dazu:
- Der Ausgangsstoff muss aus einer bei der FDA registrierten Produktionsstätte stammen und ein gültiges Analysenzertifikat (CoA) haben. Der Hersteller muss die Gute Herstellungspraxis (GMP) einhalten.
- Das Präparat darf nur einen einzigen Wirkstoff enthalten.
- Apotheken müssen schwerwiegende Nebenwirkungen an das FDA-Meldesystem MedWatch melden.
- Auf der Packung muss stehen, dass das Präparat nicht zum Weiterverkauf bestimmt ist.
Laut ABC News muss das Rezept auf einen bestimmten Patienten ausgestellt sein, die Ausgangsstoffe müssen rückverfolgbar sein und die Präparate müssen eine Qualitätsprüfung durchlaufen.
Wie es dazu kam: 2023 stufte die FDA diese Peptide als Substanzen ein, die Apotheken nicht herstellen durften. Im Juli 2026 empfahl ein Beratungsausschuss der FDA, sie zuzulassen. Nun hat das Ministerium einen schnelleren Weg gewählt als die klassische Aufnahme in die Liste der erlaubten Substanzen, die Jahre dauern kann.
Wie es weitergeht: Die Öffentlichkeit kann bis zum 13. November Stellungnahmen zu dem Dokument einreichen. Die FDA kann später vorschlagen, die Peptide dauerhaft in die Liste der Substanzen für Apotheken aufzunehmen. Das Ministerium behält sich vor, die Regelung zu überprüfen, falls Sicherheitsprobleme auftreten. Peptide, über die noch nicht entschieden wurde (darunter GHK-Cu, LL-37 und Melanotan II), soll der Ausschuss bis Ende Februar 2027 prüfen.
Warum das eine große Sache ist: Zum ersten Mal haben US-Behörden offiziell einen regulierten Weg zu Peptiden geöffnet, die enorm gefragt, aber nicht als Arzneimittel zugelassen sind. Laut TIME könnte der Markt dafür bis zu 3,3 Milliarden Dollar erreichen. Bemerkenswert ist auch, wie viel Gewicht die Regelung auf Qualität legt: rückverfolgbare Herkunft, Analysenzertifikat und Herstellung nach GMP. Für Europa ändert sich dadurch direkt nichts, aber der US-Ansatz dient oft auch anderswo als Maßstab für die Peptid-Debatte.
Weiterlesen: Über MOTS-c, eines der sechs erlaubten Peptide, haben wir im Artikel MOTS-c: Das Sport-Peptid aus den Mitochondrien geschrieben. Melanotan II, über das noch nicht entschieden wurde, behandelt der Artikel Melanotan II: Geschichte, Wirkmechanismus und Studien.
Retatrutid im direkten Duell mit Ozempic: doppelt so viel Gewichtsabnahme
Die zweite große Meldung der Woche kam ebenfalls am 28. Oktober. Eli Lilly veröffentlichte erste Ergebnisse der Phase-III-Studie TRANSCEND-T2D-2, in der Retatrutid erstmals direkt gegen Ozempic (Semaglutid) von Novo Nordisk antrat, eines der bekanntesten Medikamente unserer Zeit.
Retatrutid ist ein sogenannter Dreifachagonist: Es ahmt drei Hormone nach, GIP, GLP-1 und Glukagon. Letzte Woche haben wir berichtet, wie es in Studien die Schlafapnoe linderte.
Was untersucht wurde:
- Erwachsene mit Typ-2-Diabetes, bei denen eine Behandlung mit Metformin nicht ausreichte (ein Teil von ihnen nahm zusätzlich ein Diabetesmedikament aus der Gruppe der SGLT2-Hemmer).
- Retatrutid wurde mit Ozempic in der höchsten zugelassenen Dosis verglichen.
- Die Studie dauerte 80 Wochen.
Was sich zeigte:
- Der HbA1c-Wert (Langzeitblutzucker) sank mit Retatrutid um etwa 2,2 Prozentpunkte, mit Ozempic um etwa 1,8.
- Mit Retatrutid nahmen die Teilnehmenden im Schnitt etwa 20 % ihres Körpergewichts ab, mit Ozempic etwa 9 %. Die Gewichtsabnahme war also mehr als doppelt so hoch.
Warum das spannend ist: Direkte Vergleiche zweier Medikamente sind in der Medizin selten und besonders aussagekräftig, weil sie zeigen, welches Medikament unter gleichen Bedingungen besser wirkt. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein drittes hormonelles Signal eine deutlich stärkere Wirkung bringen kann als Medikamente, die nur ein Hormon nachahmen. Es handelt sich vorerst um erste Ergebnisse, die das Unternehmen veröffentlicht hat. Die detaillierten Daten wurden noch nicht auf einem Fachkongress vorgestellt oder in einer begutachteten Fachzeitschrift veröffentlicht, und Retatrutid ist noch nicht zugelassen.
Weiterlesen: Wie Tirzepatid wirkt, der „doppelte“ Vorgänger von Retatrutid, erklären wir im Artikel Tirzepatid: Wirkweise und Ergebnisse der Studien.
Europa: Novo Nordisk bereitet 26 neue Studien zu Adipositas vor
Aus Europa kam diese Woche vor allem eine Meldung des dänischen Unternehmens Novo Nordisk, des Herstellers von Semaglutid. Es gab am 29. Oktober bekannt, dass es auf dem Kongress ObesityWeek 2026 (14.–17. November in Washington) 26 wissenschaftliche Beiträge zur Adipositas-Behandlung vorstellen wird.
Was Novo Nordisk vorstellen wird:
- Wegovy im Alltag: Daten dazu, wie Semaglutid in der täglichen Praxis außerhalb klinischer Studien wirkt, sowohl als Tablette als auch als Injektion, einschließlich Patienten, die über Telemedizin behandelt werden.
- CagriSema: neue Auswertungen aus dem REDEFINE-Programm und Ergebnisse der Studie REDEFINE 9, die niedrigere Dosen untersuchte. CagriSema kombiniert zwei Peptide, Semaglutid und Cagrilintid (das das Sättigungshormon Amylin nachahmt). Letzte Woche haben wir berichtet, dass Frauen damit im Schnitt ein Viertel ihres Körpergewichts abnahmen.
- Semaglutid bei Kindern: Forschung bei Kindern im Alter von 6 bis 12 Jahren.
Warum das spannend ist: Daten aus dem Praxisalltag zeigen, wie ein Medikament bei „ganz normalen“ Patienten wirkt und nicht nur bei sorgfältig ausgewählten Studienteilnehmern. Und die Erforschung niedrigerer CagriSema-Dosen kann helfen, eine Behandlung zu finden, die mehr Menschen gut vertragen. CagriSema und der Einsatz von Semaglutid bei jüngeren Kindern befinden sich noch in der Forschung.
Studie der Woche: Ein Teil der Menschen unter GLP-1-Medikamenten trinkt weniger Alkohol
Ein Thema, das diese Woche viel geteilt wurde, war eine Studie, die am 30. Oktober in der renommierten Fachzeitschrift JAMA erschien.
Was sie ergab:
- Die Forschenden befragten mehr als 200 Erwachsene, die mit GLP-1-Medikamenten (zum Beispiel Semaglutid oder Tirzepatid) begonnen hatten und zu diesem Zeitpunkt Alkohol tranken.
- Etwa 44 % von ihnen gaben an, in den ersten drei Monaten der Behandlung weniger getrunken zu haben.
Wie man das einordnen sollte: Es handelt sich um eine Befragung, bei der die Teilnehmenden ihr Trinkverhalten selbst einschätzten, und die Studie hatte keine Vergleichsgruppe. Sie beweist also nicht, dass die Medikamente den geringeren Alkoholkonsum direkt verursacht haben. Die Forschenden haben aber eine spannende Hypothese: GLP-1-Rezeptoren finden sich auch in Hirnregionen, die mit dem Belohnungsempfinden zusammenhängen. Die Medikamente könnten also nicht nur den Appetit, sondern auch das Verlangen nach Alkohol dämpfen. Ähnliche Hinweise gibt es in einer Reihe weiterer Studien, und das Thema gehört derzeit zu den meistbeachteten in der gesamten GLP-1-Forschung.
Die Woche im Überblick
- Die USA erlauben Apotheken seit dem 28. Oktober, sechs Peptide (BPC-157, TB-500, MOTS-c, KPV, Semax und Epitalon) unter strengen Qualitätsauflagen herzustellen, darunter ein Analysenzertifikat und Herstellung nach GMP.
- Retatrutid führte im direkten Vergleich mit Ozempic bei Menschen mit Typ-2-Diabetes zu mehr als doppelt so viel Gewichtsabnahme und senkte den Blutzucker stärker.
- Novo Nordisk stellt auf der ObesityWeek 26 Studien vor, unter anderem zu CagriSema, der Wegovy-Tablette und Semaglutid bei Kindern.
- Eine Studie in JAMA ergab, dass etwa 44 % der Menschen unter GLP-1-Medikamenten weniger Alkohol trinken.
Den nächsten Überblick gibt es wieder nächste Woche.
Quellen
- ABC News – Some wellness peptides will become widely available, HHS says (28. Oktober 2026): abcnews.com
- TIME – The Peptide Rush Has Begun (28. Oktober 2026): time.com
- NBC News – RFK Jr. takes shortcut to make some unapproved peptides available for use: nbcnews.com
- STAT – HHS green lights six peptides, despite concerns from FDA scientists (29. Oktober 2026): statnews.com
- Foley & Lardner – Peptides: HHS Announces Limited Enforcement Discretion for Compounding of Six Peptides (30. Oktober 2026): foley.com
- Eli Lilly and Company – Lilly's retatrutide delivered greater A1C reduction and more than double the weight loss of Ozempic's highest approved dose in head-to-head trial (28. Oktober 2026): investor.lilly.com
- ad-hoc-news.de – Novo Nordisk stock adds new ObesityWeek data catalyst (29. Oktober 2026): ad-hoc-news.de
- Vinetur – Survey Finds GLP-1 Drugs May Curb Drinking for Many Patients (30. Oktober 2026): vinetur.com