Hinweis: Weder TB-500 noch Thymosin Beta-4 ist in irgendeinem Land der Welt als Arzneimittel für die Anwendung am Menschen zugelassen. Dieser Text basiert auf veröffentlichten Studien und öffentlich zugänglichen Quellen und dient ausschließlich Informationszwecken.

Über TB-500 wird vor allem im Sport und im Pferderennsport gesprochen, wo Dopinglabore in Urinproben danach suchen. Hinter der Abkürzung steckt aber eine spannendere Geschichte. TB-500 leitet sich von Thymosin Beta-4 ab, einem Protein, das fast jede Zelle des menschlichen Körpers enthält und das bestimmt, wie sich Zellen bewegen.

In diesem Artikel erklären wir, was Thymosin Beta-4 im Körper tut, warum sich hinter dem Namen TB-500 nicht immer dasselbe Molekül verbirgt, was Studien an Tieren und Menschen gezeigt haben und wie der regulatorische Status aussieht.

Was ist Thymosin Beta-4?

Thymosin Beta-4 (kurz Tβ4) ist ein kleines Protein aus 43 Aminosäuren. Seine Molekülmasse beträgt rund 4.960 Dalton. Entdeckt wurde es in den 1960er- und 1970er-Jahren von der Gruppe um Allan Goldstein, die Substanzen aus der Thymusdrüse untersuchte (daher der Name). Die vollständige Sequenz veröffentlichte das Team 1981.

Mit der Zeit zeigte sich, dass der Name etwas irreführend ist. Tβ4 ist kein Hormon des Thymus. Es kommt in fast allen Zellen und Körperflüssigkeiten vor, mit Ausnahme der roten Blutkörperchen. Blutplättchen enthalten besonders viel davon, und es findet sich auch in der Flüssigkeit, die sich in einer Wunde bildet.

Seine Hauptaufgabe klärte eine Studie aus dem Jahr 1991. Tβ4 ist in Zellen das wichtigste Protein, das Aktin bindet. Aktin bildet die Fasern des Zellskeletts. Mit ihnen hält die Zelle ihre Form und kann sich bewegen. Tβ4 hält einen Vorrat an freien Aktinmolekülen in Bereitschaft. Wenn die Zelle einen Fortsatz ausstrecken und sich fortbewegen muss, hat sie das Baumaterial sofort zur Hand.

TB-500: das ganze Protein oder nur ein Stück davon?

Hier ist Aufmerksamkeit gefragt. „TB-500“ ist kein wissenschaftlicher Name, sondern eine Handelsbezeichnung. Sie wird für zwei verschiedene Substanzen verwendet:

  • synthetisches Thymosin Beta-4, also das ganze Protein mit 43 Aminosäuren,
  • ein kurzes Fragment aus sieben Aminosäuren (Ac-LKKTETQ). Es ist der Abschnitt von Tβ4 an den Positionen 17–23, der Aktin bindet.

In der Antidoping-Literatur bezeichnet TB-500 genau dieses kurze Fragment. Eine Studie aus dem Labor des Hong Kong Jockey Club von 2012 beschreibt es als „synthetische Version einer aktiven Region von Thymosin β4“. Händler verwenden denselben Namen aber oft auch für das ganze Protein.

Thymosin Beta-4Fragment Ac-LKKTETQ
Aminosäuren437
Molekülmasseca. 4.960 Daca. 890 Da
In der Naturja, in fast allen Zellennein, nur als Abschnitt des ganzen Proteins
Klinische Studien am Menschenja (Phase 1 bis 3)keine veröffentlicht

Für die Forschung ist der Unterschied grundlegend. Die meisten der unten beschriebenen Studien arbeiteten mit dem ganzen Protein. Was in einem bestimmten Fläschchen ist, zeigt die Massenspektrometrie im Analysezertifikat: Eine Masse um 4.960 Da bedeutet das ganze Protein, um 890 Da das Fragment. Wie man ein Zertifikat liest, erklären wir im Artikel Analysezertifikat eines Peptids.

Wie Thymosin Beta-4 wirkt

Anders als Hormone wirkt Tβ4 nicht über einen einzigen Rezeptor. Die Forschung hat mehrere Wege beschrieben, die sich gegenseitig ergänzen:

  • Zellbewegung. Durch die Bindung von Aktin können sich Zellen schnell umbauen und dorthin wandern, wo sie gebraucht werden. Bei der Wundheilung sind das vor allem Haut- und Gefäßzellen.
  • Gefäßneubildung (Angiogenese). 2003 fanden Forschende heraus, dass die Bildung neuer Gefäße genau vom Abschnitt LKKTETQ ausgelöst wird. Deshalb wurde daraus ein eigenständiges Fragment.
  • Überleben von Zellen. In Herzzellen aktiviert Tβ4 das Enzym ILK (integrin-linked kinase) und darüber den Akt-Signalweg, der Zellen vor dem Absterben schützt.
  • Dämpfung von Entzündung und Narbenbildung. Im Körper wird aus Tβ4 das Tetrapeptid Ac-SDKP abgespalten. In Studien bremste es die Fibrose, also den bindegewebigen Umbau von Gewebe.

Ein Übersichtsartikel von 2005 fasste es im Titel treffend zusammen: Ein Protein, dessen Hauptaufgabe die Bindung von Aktin ist, „jobbt nebenbei“ als Reparateur verletzter Gewebe.

Was Tierstudien gezeigt haben

Wundheilung

Die Schlüsselstudie erschien 1999 im Journal of Investigative Dermatology. Forschende der US-amerikanischen National Institutes of Health (NIH) untersuchten bei Ratten Wunden durch die gesamte Hautdicke. Tβ4, auf die Wunde aufgetragen oder in die Bauchhöhle gegeben, beschleunigte die Heilung:

  • neue Haut bedeckte die Wunde am 4. Tag um 42 % schneller als in der Kontrollgruppe und am 7. Tag um bis zu 61 %,
  • am 7. Tag hatten sich die Wunden um mindestens 11 % stärker zusammengezogen,
  • in den Wunden fanden sich mehr Kollagen und mehr neue Blutgefäße.

Im Labortest beschleunigte Tβ4 auch die Bewegung von Hautzellen, schon in sehr kleinen Mengen.

Das Herz

2004 veröffentlichte Nature eine Studie der University of Texas. Die Forschenden banden bei Mäusen eine Herzkranzarterie ab und lösten so einen Infarkt aus. Bei Mäusen, die Tβ4 erhielten, überlebten mehr Herzzellen, und das Herz arbeitete nach dem Infarkt besser. Die Autoren beschrieben auch den Mechanismus über die Enzyme ILK und Akt.

Drei Jahre später folgte in Nature eine weitere Arbeit aus London. Danach weckt Tβ4 im erwachsenen Herzen Vorläuferzellen in der äußeren Herzschicht (dem Epikard), die anschließend neue Blutgefäße bilden. Durch diese beiden Studien wurde Tβ4 als Kandidat für die Behandlung nach einem Herzinfarkt diskutiert.

Das Gehirn nach einem Schlaganfall

2010 untersuchte ein Team des Henry Ford Hospital in Detroit Tβ4 bei Ratten nach einem Schlaganfall. Tiere, die es erhielten, erholten sich in Tests zu Bewegung und Koordination besser. Studien nach Hirnverletzungen kamen zu ähnlichen Ergebnissen.

Haare

Eine weniger bekannte Studie von 2004 ergab, dass Tβ4 bei Nagetieren das Fellwachstum beschleunigte. Es aktivierte Stammzellen der Haarfollikel und half ihnen, an die Stelle zu wandern, an der ein neues Haar entsteht.

Studien am Menschen

Anders als BPC-157 hat Thymosin Beta-4 eine Reihe klinischer Studien durchlaufen. Durchgeführt hat sie das US-Unternehmen RegeneRx, das drei Präparate entwickelte: eine Injektionslösung, ein Hautgel und Augentropfen. Alle Studien untersuchten das ganze Protein, nicht das Fragment.

  • Sicherheit (Phase 1, 2010). Vierzig gesunde Freiwillige erhielten Tβ4 intravenös, einmalig und 14 Tage lang täglich. Nebenwirkungen waren selten und leicht, schwerwiegende traten nicht auf. Die Studie sollte den Weg für Forschung bei Patienten nach einem Herzinfarkt bereiten.
  • Venöse Beingeschwüre (Phase 2, 2010). Eine Studie an acht europäischen Zentren schloss 73 Patienten ein. Das Tβ4-Gel war ebenso sicher wie Placebo. Bei einer Konzentration sahen die Autoren Hinweise auf eine schnellere Heilung, einen eindeutigen Nachweis lieferte die Studie aber nicht.
  • Trockenes Auge (Phase 2, 2015). An der Studie nahmen 72 Personen teil. Keiner der beiden primären Endpunkte wurde erreicht. Mehrere sekundäre Messwerte verbesserten sich jedoch, zum Beispiel sanken die Beschwerden in einem Belastungstest um 27 %. Nebenwirkungen wurden nicht beobachtet.

Die Entwicklung ging auch in größeren Studien weiter, vor allem bei Augenerkrankungen. Ein Präparat mit Thymosin Beta-4 ist aber bis heute nicht zugelassen. Zum kurzen Fragment TB-500 gibt es keine veröffentlichten klinischen Studien.

Sicherheit: Was wir wissen und was nicht

Studien mit dem ganzen Protein am Menschen haben bisher keine schwerwiegenden Probleme gefunden. Sie waren aber klein und kurz. Mehrere Fragen bleiben offen:

  • Tumoren. Tβ4 hilft Zellen bei der Bewegung und fördert die Gefäßbildung. Beides nutzen aber auch Tumoren. Eine Studie von 2004 brachte eine höhere Aktivität des Tβ4-Gens damit in Verbindung, dass Darmkrebszellen leichter in umliegendes Gewebe eindrangen, sowie mit Metastasen bei Patienten. Das bedeutet nicht, dass Tβ4 Krebs verursacht. Es ist aber ein Grund, warum Langzeitwirkungen eigens erforscht werden müssen.
  • Das Fragment ist nicht das ganze Protein. Ergebnisse aus Tβ4-Studien lassen sich nicht automatisch auf das Fragment aus sieben Aminosäuren übertragen. Es hat nur einen Teil der Funktionen, und zu seiner Sicherheit gibt es kaum Daten.
  • Langfristige Gabe. Die längsten Studien am Menschen dauerten Wochen, nicht Jahre.

TB-500 im Sport und im Pferderennsport

Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) führt auf ihrer Verbotsliste ausdrücklich „Thymosin-β4 und seine Derivate, z. B. TB-500“. Sie sind jederzeit verboten, im Wettkampf und außerhalb.

Der größte Fall betraf den australischen Football. Im Januar 2016 befand der Internationale Sportgerichtshof (CAS) 34 aktuelle und ehemalige Spieler des Essendon Football Club für schuldig, im Nahrungsergänzungsprogramm des Klubs 2012 Thymosin Beta-4 verwendet zu haben. Alle erhielten eine zweijährige Sperre.

Auch im Pferderennsport wird nach TB-500 gesucht. Eine Methode, die es und seine Abbauprodukte in Urin und Blut von Pferden nachweist, veröffentlichte 2012 das Labor des Hong Kong Jockey Club.

Regulatorischer Status

Weder Thymosin Beta-4 noch TB-500 ist in der EU (EMA), in Deutschland (BfArM) oder in den USA (FDA) als Arzneimittel zugelassen. Beide werden nur als Forschungssubstanzen verkauft.

In den USA verändert sich die Lage. 2023 stufte die FDA das Thymosin-Beta-4-Fragment als Substanz ein, die Apotheken nicht herstellen durften. Im Juli 2026 empfahl ein Beratungsgremium der FDA jedoch, TB-500 zusammen mit fünf weiteren Peptiden in die Liste der Substanzen aufzunehmen, die Apotheken herstellen dürfen. Details finden Sie in den Peptid-News 43/2026. Eine endgültige Entscheidung steht noch aus. In der EU ändert sich an der Regulierung dieser Peptide nichts.

TB-500 und BPC-157

Beide Peptide werden im Zusammenhang mit der Geweberegeneration erforscht und deshalb oft gemeinsam genannt. Sie unterscheiden sich aber in Herkunft und Mechanismus. BPC-157 stammt von einem Protein aus dem Magensaft und wirkt eher lokal, vor allem über Stickstoffmonoxid und den VEGF-Signalweg. Thymosin Beta-4 ist ein Protein, das im ganzen Körper vorkommt, und seine Hauptrolle ist die Aktinbindung und die Zellbewegung. Auch die Evidenz am Menschen unterscheidet sich stark: Tβ4 hat klinische Studien bis Phase 3 durchlaufen, zu BPC-157 gibt es nur wenige kleine Studien. Einen ausführlichen Vergleich finden Sie im Artikel BPC-157 vs TB-500: Unterschiede und Studienlage.

Zeitleiste der Forschung

JahrWas geschah
1981Goldsteins Team veröffentlicht die vollständige Sequenz von Thymosin Beta-4.
1991Tβ4 wird als wichtigstes aktinbindendes Protein in Zellen identifiziert.
1999NIH-Studie: Tβ4 beschleunigt die Wundheilung bei Ratten.
2003Der aktinbindende Abschnitt LKKTETQ ist für die Gefäßbildung verantwortlich.
2004Studie in Nature: Tβ4 schützt das Herz von Mäusen nach einem Infarkt.
2007Tβ4 aktiviert im erwachsenen Herzen Vorläuferzellen des Epikards.
2010Sicherheitsstudie an gesunden Freiwilligen und Studie zu venösen Beingeschwüren.
2012Methode zum Nachweis von TB-500 in Urin und Blut von Pferden.
2015Phase-2-Studie mit Augentropfen beim trockenen Auge.
2016Der CAS sperrt 34 Essendon-Spieler wegen Thymosin Beta-4.
2026Ein FDA-Beratungsgremium empfiehlt TB-500 für die Herstellung in Apotheken.

Häufig gestellte Fragen

Ist TB-500 dasselbe wie Thymosin Beta-4?

Nicht immer. Unter dem Namen TB-500 wird entweder das ganze Protein Thymosin Beta-4 (43 Aminosäuren) verkauft oder sein kurzer Abschnitt Ac-LKKTETQ (7 Aminosäuren). Welches von beiden, zeigt die Massenspektrometrie im Analysezertifikat.

Was macht Thymosin Beta-4 im Körper?

Es bindet Aktin, aus dem die Fasern des Zellskeletts bestehen. Dadurch können sich Zellen schnell umbauen und bewegen. In Studien förderte es außerdem die Gefäßbildung und das Überleben von Zellen und dämpfte Entzündungen.

Warum wird TB-500 zusammen mit BPC-157 erforscht?

Beide werden im Zusammenhang mit der Geweberegeneration untersucht, aber jedes auf einem anderen Weg. Thymosin Beta-4 wirkt vor allem über die Zellbewegung, BPC-157 über Gefäßbildung und Stickstoffmonoxid. Deshalb werden sie oft verglichen.

Wurde Thymosin Beta-4 am Menschen getestet?

Ja. Das ganze Protein hat Studien der Phasen 1 bis 3 durchlaufen: als Injektion bei gesunden Freiwilligen, als Gel bei venösen Beingeschwüren und als Augentropfen beim trockenen Auge. Es wurde gut vertragen, eine überzeugende Wirkung ließ sich aber bisher nicht belegen. Das kurze Fragment TB-500 wurde am Menschen nicht getestet.

Ist TB-500 im Sport verboten?

Ja. Die WADA führt Thymosin Beta-4 und seine Derivate, einschließlich TB-500, unter den jederzeit verbotenen Substanzen. Auch im Pferderennsport ist es verboten.

Ist TB-500 als Arzneimittel zugelassen?

Nein. Es ist weder in Deutschland noch in der EU oder in den USA zugelassen. Es ist nur als Forschungssubstanz erhältlich.

Was bedeutet die Kennzeichnung „Research Use Only“?

Auf Deutsch „nur für Forschungszwecke“. Die Substanz ist für die Labor- und Grundlagenforschung bestimmt. Sie ist weder ein Arzneimittel noch ein Nahrungsergänzungsmittel und nicht zur Anwendung an Mensch oder Tier vorgesehen.

Fazit

Thymosin Beta-4 ist ein Protein, das fast jede Zelle besitzt und das ihr die Bewegung ermöglicht. In Tierstudien beschleunigte es die Wundheilung, schützte das Herz nach einem Infarkt und half dem Gehirn nach einem Schlaganfall. Am Menschen hat es klinische Studien durchlaufen, die eine gute Verträglichkeit bestätigten, eine überzeugende Wirkung aber noch nicht.

TB-500 ist ein Handelsname, unter dem entweder das ganze Protein oder ein kurzer Abschnitt davon verkauft wird. Für die Forschung ist es daher entscheidend zu wissen, was genau im Fläschchen ist. Die Antwort liefert ein Analysezertifikat mit Massenspektrometrie.

Einen Überblick über TB-500 und weitere Forschungspeptide finden Sie in unserem Glossar der Forschungssubstanzen: TB-500.

Quellen

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